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Das Gespräch im Park

Ich bin die Frau

Ich bin die Frau
die man wieder mal anrufen könnte
wenn das Fernsehen langweilt

Ich bin die Frau
die man wieder mal einladen könnte
wenn jemand abgesagt hat

Ich bin die Frau
die man lieber nicht fragt
nach einem Foto vom Kind

Ich bin die Frau
die keine Frau ist
fürs Leben.

~~Ulla Hahn~~



Ich gehe langsam durch die Stadt, durch die Einkaufsstraßen, immer weiter bis zum Park. Hier schlendere ich am Spielplatz vorbei, am Sandkasten, den Liegewiesen, bis hin zum Teich, zu der Bank. Dort setze ich mich hin, ganz ans linke Ende. Rechts sitzt sie schon, blickt mich nicht an. Sie, die Frau mit dem schönen Gesicht, das aber kein Lächeln trägt, und deren grüne Augen ins Nichts starren.

Da sitzen wir gemeinsam, und schweigen eine Weile. Dann fängt sie an zu erzählen. Sie erzählt mir zunächst Geschichten aus ihrem Leben, von ihrer Arbeit, von ihrer Wohnung und ihrem Goldfisch. Viele Freunde habe sie nicht, nur Bekannte. Leider, seufzt sie.

Jetzt berichtet sie davon, was sie abends macht, wie sie sich mit Männern trifft. Und was sie mit ihnen macht. Sie erzählt auch, wie sie oft angerufen wird von den Männern, um sie zu bitten mal vorbei zukommen, oder sich einfach nur mit ihr zu unterhalten. Das sei aber seltener, sagt sie. Sie werde oft eingeladen, entweder zu den Männern nach Hause oder ins Hotel, das hänge davon ab, ob die Männer etwas zu verbergen hätten oder nicht. Manchmal träfen sie sich auch in der Stadt, und gingen ins Kino und noch was trinken.
Doch am nächsten Morgen sei immer alles vorbei. Schön, dass du Zeit für mich hattest, ich werde dich vielleicht mal anrufen. Doch dieser Anruf erfolge nur in den selteneren Fällen.

Verliebt sei sie schon lange nicht mehr gewesen. Reiner Selbstschutz, behauptet sie, ihr sei schon zu oft das Herz gebrochen worden. Außerdem könne sie sich das auch nicht mehr leisten. Einmal sei sie verliebt gewesen. Oh, sie habe ihn verehrt, sie haben heiraten wollen, schwanger sei sie auch gewesen.

Doch jetzt liegt Marie Sophie auf dem Friedhof. Ihrem kleinen Mädchen habe man das Leben verweigert. Es war schon tot, ehe es die Welt erblickte. Und der Vater über alle Berge. Sie könne es ihm nicht verübeln, sie hätte auch Angst gehabt. Sie habe ein einziges Bild von ihrem kleinen Engel, da sei sie 12 Wochen alt gewesen.

Das Leben sei weiter gegangen. Die Jahre sind vorbeigeeilt ohne Trost und ohne Schutz. Mittlerweile sei sie leicht zu haben, aber binden wollte sie sich nie. Auch Freunde hat sie keine wirklichen, nur in der Nacht sei sie beliebt. Dann sei sie die Königin der Nacht, die, die alle Männer in ihren Bann zieht.

Ich sehe sie wieder an, sehe ein kleines Leuchten in dem von Falten geziertem Auge, das aber sehr schnell wieder verschwindet. Schon sind ihre Augen wieder leer und traurig.

Wir sitzen wieder eine Weile nebeneinander, schweigen und starren beide auf den Teich. Plötzlich wird sie unruhig, murmelt, sie sei schon viel zu lang in dieser Stadt, müsse dringend weiter. Sie halte es hier nicht mehr aus. Das Geflüster bringe sie noch um. Ich sehe sie an mit fragendem Blick, spreche die Frage nicht aus. Aber sie weicht meinem Blick aus.

Sie steht auf, setzt sich wieder hin. Sieht mich an. Sieht mich zum ersten Mal an. Es scheint, als dass sie mich heute zum ersten Mal wahrnimmt. Doch sie erträgt es nicht, sieht wieder weg, schaut zum Teich und beginnt wieder zu erzählen.

Seit dem Marie Sophies Vater weg ist, habe sie keine Beziehung mehr gehabt. Keine Bindungen mehr ertragen. Sei immer davon gelaufen. Ihre Lippen beginnen zu zittern. So habe sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Sie wollte Familie, ein Haus in der Vorstadt mit dem berühmten Palisadenzaun. Und nicht alle paar Monate eine neue schäbige, kleine Wohnung, und Gelegenheitsjobs um sich über Wasser zu halten.

Tränen laufen ihr über das Gesicht. Ich sitze da, unfähig, etwas zu sagen, etwas zu tun, alles was ich tun kann, ist sie anzusehen, und zu zuhören.

Sie sieht auf die Uhr, steht auf, und ist wieder hektisch. Sie muss noch packen, sagt sie. Ihr Zug gehe gleich morgen früh. Sie sieht mich noch einmal an, danke, dass du da warst.

Jetzt sitze ich hier, regungslos, denke nach. Die Sonne ist schon lange untergegangen. Ich beschließe etwas zu tun. Ich werde die Geschichte aufschreiben. Für mich, und für alle, die es lesen wollen. Wer weiß, vielleicht erkennt ja jemand die Frau, und ist in der Lage ihr die Ruhe zu geben, die sie so sehr braucht.




Inspiriert von: Ulla Hahn – „Ich bin die Frau“
© CrazyConny, 12.09.05
3.1.07 03:12
 


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